Die Seitengänge: Der Schlüssel zur Gymnastik und Geraderichtung Ihres Andalusiers

Jeder Reiter eines Pura Raza Española (PRE) kennt diese magischen Momente: die explosive Kraft, die erhabene Aufrichtung und eine scheinbar angeborene Fähigkeit zur Versammlung.

Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine biomechanische Realität, die oft übersehen wird – die natürliche Schiefe des Pferdes. Viele Trainingsprobleme, von mangelnder Losgelassenheit bis zu Taktfehlern, wurzeln genau hier. Die Lösung liegt nicht in mehr Druck oder neuen Gebissen, sondern in einem der wirkungsvollsten Werkzeuge der Reitkunst: den Seitengängen.

Sie sind weit mehr als nur Lektionen für das Dressurviereck. Seitengänge sind das ideale Gymnastikprogramm, um Ihren Andalusier gezielt zu stärken, seine Balance zu finden und seine einzigartige Athletik gesund zu entfalten. Dieser Leitfaden erklärt nicht nur, wie Sie die Lektionen reiten, sondern vor allem, warum sie für den Körperbau des PRE unverzichtbar sind.

Die Biomechanik des Geraderichtens: Mehr als nur geradeaus

Kein Pferd ist von Natur aus vollkommen symmetrisch. Ähnlich wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind, haben Pferde eine natürliche Händigkeit, die sich in einer „hohlen“ und einer „steifen“ Körperseite äußert. Diese angeborene Schiefe führt dazu, dass das Pferd unter dem Reiter dazu neigt, mit der Hinterhand leicht versetzt zu laufen und sich auf eine Schulter mehr zu stützen.

Für den Andalusier mit seinem oft kurzen, starken Rücken und seiner kraftvollen Hinterhand ist das Geraderichten von entscheidender Bedeutung. Ohne gezielte Gymnastizierung kann diese natürliche Schiefe zu einer ungleichen Belastung von Gelenken und Muskulatur führen.

Seitengänge sind die direkte Antwort auf dieses biomechanische Ungleichgewicht. Sie lehren das Pferd, mit dem inneren Hinterbein vermehrt unter den gemeinsamen Schwerpunkt zu treten, Last aufzunehmen und beide Körperhälften gleichmäßig zu nutzen. Das Ergebnis ist nicht nur ein Pferd, das geradeaus geht, sondern eines, das in sich ausbalanciert und tragfähig ist – die Basis für Gesundheit und Leistung.

file.webp

Die Werkzeugkiste der Seitengänge: Eine Übersicht

Jeder Seitengang hat eine spezifische gymnastizierende Wirkung. Man kann sie sich wie Werkzeuge vorstellen: Jedes hat seine eigene Aufgabe, den Pferdekörper zu formen und zu stärken.

  • Schulterherein: Die „Mutter aller Übungen“. Es fördert die Biegung in der inneren Hüfte sowie im Knie- und Sprunggelenk und aktiviert das innere Hinterbein, mehr Last aufzunehmen. Zudem ist es das wichtigste Werkzeug, um die Schulterkontrolle zu verbessern und das Pferd an den äußeren Zügel herantreten zu lassen.

  • Travers (Kruppeherein): Als logischer nächster Schritt trainiert diese Übung die Biegung der Hanken (Hüfte, Knie, Sprunggelenk) der äußeren Hinterhand. Sie fördert gezielt die Versammlungsfähigkeit und verbessert die Lastaufnahme.

  • Renvers (Kruppeheraus): Das Gegenstück zum Travers. Es verbessert die Koordination und dient der Geraderichtung, indem es die äußere Schulter des Pferdes „einrahmt“.

  • Traversale: Die anspruchsvollste Lektion, die Biegung mit einer Vorwärts-Seitwärts-Bewegung kombiniert. Sie vervollkommnet die Geschmeidigkeit, die Hankenbeugung sowie die diagonale Hilfengebung und führt zu einer tanzartigen, ausdrucksstarken Bewegung.

Lektion 1: Schulterherein – Die Mutter aller Übungen für den PRE

Das Schulterherein wird oft als „Aspirin der Reitkunst“ bezeichnet, weil es so viele grundlegende Probleme löst. Es ist die erste und wichtigste Lektion, um dem Pferd beizubringen, sein inneres Hinterbein aktiv unter den Körperschwerpunkt zu setzen.

So funktioniert es:
Das Pferd wird in Reitrichtung gestellt und seine Vorhand leicht ins Bahninnere geführt, sodass es sich auf drei (oder vier) Hufschlägen bewegt. Die Hinterhand bleibt dabei auf dem ursprünglichen Hufschlag. Das Pferd ist gegen die Bewegungsrichtung gebogen.

Die Hilfengebung im Detail:

  1. Vorbereitung: Reiten Sie aus der Ecke oder einer Volte auf den Hufschlag. Die Biegung aus der Wendung nehmen Sie mit.
  2. Einleitung: Der innere Gesäßknochen wird leicht belastet. Der innere Schenkel liegt am Gurt und sichert Biegung und Vorwärtsimpuls.
  3. Abstellung: Der verwahrende äußere Schenkel liegt eine Handbreit hinter dem Gurt und verhindert ein Ausweichen der Hinterhand.
  4. Führung: Der äußere Zügel führt die Schulter herein und begrenzt gleichzeitig die Biegung im Hals. Der innere Zügel stellt das Pferd leicht nach innen und kann bei Bedarf seitwärts weisen.

Besonderheiten und typische Fehler beim Andalusier:

  • Problem: Die starke Hinterhand drückt nach außen.

  • Lösung: Achten Sie penibel auf die begrenzende Wirkung Ihres äußeren Schenkels. Reiten Sie lieber weniger Abstellung, aber dafür korrekt. Eine Bande oder Mauer als äußere Begrenzung kann anfangs helfen.

  • Problem: Das Pferd überbiegt sich im Hals und fällt über die äußere Schulter aus.

  • Lösung: Dies ist ein häufiges Problem bei Pferden mit hohem Halsansatz. Der äußere Zügel ist hier entscheidend. Er muss die Verbindung zur Schulter halten und diese führen. Denken Sie: „Ich reite die Schulter herein, nicht den Hals.“

  • Problem: Taktverlust oder stockende Bewegung.

  • Lösung: Der innere Schenkel muss konsequent den Vorwärtsimpuls sichern. Oft konzentriert sich der Reiter so sehr auf die Lektion, dass er vergisst, vorwärts zu reiten. Reiten Sie nur wenige Tritte Schulterherein und dann wieder energisch geradeaus, um den Fluss zu bewahren.

Lektion 2: Travers und Renvers – Die Meister der Hankenbeugung

Während das Schulterherein die Beweglichkeit der Schulter und die Aktivität des inneren Hinterbeins verbessert, zielen Travers und Renvers auf die maximale Beugung der äußeren Hanken ab. Sie sind die Schlüssel zur Entwicklung von echter Tragkraft und Versammlung – Eigenschaften, die den Andalusier auszeichnen.

Travers (Kruppeherein): Hierbei wird die Hinterhand ins Bahninnere geführt, während die Vorhand auf dem Hufschlag bleibt. Das Pferd ist in Bewegungsrichtung gebogen. Diese Übung dehnt die äußere Rumpfmuskulatur und fordert das äußere Hinterbein auf, unter den Schwerpunkt zu kreuzen und Last aufzunehmen.

Renvers (Kruppeheraus): Bei dieser koordinativ anspruchsvolleren Übung wird die Vorhand ins Bahninnere geführt, während die Hinterhand auf dem Hufschlag bleibt. Das Pferd ist entgegen der Bewegungsrichtung gebogen. Renvers ist ein exzellentes Werkzeug zur Überprüfung und Verbesserung der Geraderichtung.

Für den PRE sind beide Lektionen essenziell, um die Kraft seiner „Motorik“ – der Hinterhand – nicht nur für den Schub, sondern auch für das Tragen zu schulen.

file.webp

Lektion 3: Die Traversale – Eleganz auf der Diagonalen

Die Traversale ist die Königsklasse der Seitengänge. Sie verbindet die Biegung des Travers mit einer fließenden Vorwärts-Seitwärts-Bewegung über die Diagonale. Von Pferd und Reiter verlangt sie ein Höchstmaß an Koordination, Kraft und Durchlässigkeit.

Für den Andalusier ist die Traversale die Lektion, in der er seine einzigartige Mischung aus Kraft und Eleganz voll zur Geltung bringen kann. Sie verbessert die Hankenbeugung, fördert die Schulterfreiheit und verleiht der Bewegung eine unvergleichliche Leichtigkeit und Ausdrucksstärke. Eine gut gerittene Traversale ist der sichtbare Beweis für ein durchgymnastiziertes, ausbalanciertes und leistungsbereites Pferd.

Experten-FAQ: Was die Meister über Seitengänge und Barockpferde sagen

Die Arbeit mit anspruchsvollen Lektionen wirft oft Fragen auf. Hier finden Sie Antworten auf die häufigsten Überlegungen von Reitern barocker Pferde.

Ab wann sind Seitengänge für mein Pferd sinnvoll?

Sobald Ihr Pferd sicher an den Hilfen steht, sich auf gebogenen Linien taktsicher bewegen und stellen lässt, können Sie mit dem Schulterherein beginnen. Es ist keine Lektion für das rohe Pferd, aber man sollte auch nicht zu lange damit warten. Richtig dosiert, ist es ein fundamentaler Baustein der Grundausbildung.

Mein Andalusier verliert im Seitengang den Takt. Was mache ich falsch?

Das ist ein klares Zeichen für eine Überforderung oder eine fehlerhafte Hilfengebung. Die häufigsten Ursachen sind zu viel Abstellung, zu wenig Vorwärtsimpuls oder ein Festhalten mit der inneren Hand. Reduzieren Sie den Winkel, reiten Sie nur wenige Tritte seitwärts und achten Sie darauf, dass der treibende innere Schenkel den Takt vorgibt. Weniger ist hier oft mehr.

Sind Seitengänge auch für den reinen Freizeitreiter wichtig?

Absolut. Gymnastizierung ist keine Frage der Disziplin, sondern der Pferdegesundheit. Seitengänge halten Ihren Andalusier geschmeidig, stärken seine Rumpfmuskulatur und helfen, seinen Körper gleichmäßig zu belasten. Ein gymnastiziertes Pferd ist ein gesünderes Pferd, das Ihnen länger als zuverlässiger Partner erhalten bleibt – egal ob im Gelände oder im Viereck.

Welche Philosophie ist die „richtige“ – FN oder klassische Lehren?

Die grundlegenden biomechanischen Prinzipien sind universell. Zwar kann sich die Hilfengebung in Nuancen unterscheiden (z. B. in der Betonung der Gewichtshilfen bei Philippe Karl im Vergleich zur FN), doch das Ziel ist immer dasselbe: ein ausbalanciertes, losgelassenes und tragfähiges Pferd. Ein guter Reiter versteht das Warum hinter der Lektion und passt das Wie individuell an sein Pferd an.

file.webp

Fazit: Ihr Weg zum gymnastizierten, gesunden und leistungsbereiten Andalusier

Seitengänge sind kein Selbstzweck und keine Zirkuslektionen. Sie sind das präziseste und wirkungsvollste System, um die natürliche Schiefe des Pferdes zu korrigieren und es zu einem gesunden Athleten auszubilden.

Wenn Sie die biomechanische Wirkung jeder einzelnen Übung verstehen und gezielt auf die Besonderheiten Ihres Andalusiers anwenden, schaffen Sie die Grundlage für Harmonie, Ausdruck und eine lange, gesunde Partnerschaft. Sie geben Ihrem Pferd nicht nur eine Aufgabe, sondern auch die körperliche Fähigkeit, diese mit Stolz und Leichtigkeit zu erfüllen.

file.webp

Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Gründer von Mehrklicks.de und JVGLABS.com.
Er entwickelt Systeme für KI-Sichtbarkeit und semantische Architektur – mit Fokus auf Marken, die in ChatGPT, Perplexity und Google SGE sichtbar bleiben wollen.

Mehr über ihn und die Arbeit:
Über Patrick Thoma | Mehrklicks – KI-Sichtbarkeit | Unsere Leistungen